Lao Tzu: Lob der Unwissenheit

“Gebt auf die Gelehrsamkeit! So werdet ihr frei von Sorgen.”
“Abandon learning, and there will be no sorrow.”

Tao Te Ching, ch 20*

Lerne, eigne Dir Wissen an, bilde Dich weiter – und es wird Dir gut gehen.
Gelehrsamkeit ist gut, ungebildet sein ist schlecht.
Sage Ja zum Lernen und Nein zur Unwissenheit.

Das Tao Te Ching stellt diese, nicht nur im Westen, sondern auch bei Konfuzius geläufigen Maximen in Frage und behauptet das Gegenteil: Wer mit dem Lernen aufhöre, wer die Begierde, immer mehr wissen zu wollen aufgebe, wer das bereits Erlernte ablege, der werde ohne Sorgen sein, und ohne-Sorgen-sein  ist vielleicht das Höchste, was man erreichen kann. Das Wissen der Menge, das von der Art ist, von der man mehr als genug hat, das man also eigentlich nicht braucht, sei nichts wert, sondern bringe nur Kummer und Sorgen.

Doch warum soll Unwissenheit  – wu zhi („ohne Wissen sein“) – gut sein? Soll das Volk vielleicht gar gezielt dumm gehalten werden, um es besser regieren zu können?

Die Kritik Lao Tzus richtet sich zum einen gegen die Gelehrsamkeit, die in Form von Schlauheit und Gerissenheit genutzt wird, die Gesellschaft zu spalten (zu differenzieren) und zur Herrschaft von Menschen über Menschen führt. „When knowledge and wisdom appeared, there emerged great hypocrisy.“ (ch 18)

Zum anderen kritisiert das Tao Te Ching die Art von Wissen, die ein wirkliches Verständnis der Welt verhindere, ein Wissen, das den Menschen von der Natur und vom Ursprünglichen (Tao) immer weiter entfremde. Wenn der Mensch nur „lerne“, die Natur immer besser zu beherrschen, indem er in natürliche Abläufe eingreife und reguliere, dann würden die Sorgen nicht weniger, sondern größer. Dagegen setzt Lao Tzu das Verlernen, Ignoranz diesem Wissen gegenüber, ja Dumpfheit.

Das Lob dieser Art Unwissenheit und Unkultiviertheit im vermeintlich ach so harmonischen Naturzustand reiht sich ein in den antizivilisatorischen Grundton des gesamten Werkes. Und gewiss stoßen die Tendenz zur Gleichmacherei natürlicher Ungleichheit (Differenziertheit) bei gleichzeitig elitärer Haltung („Ich allein weiß Bescheid – die Menge geht falsch“) unangenehm auf.

Lao Tzus Fragen nach der Qualität unseres Wissens, nach seinem Nutzen und nach seiner Funktion bleiben gleichwohl bedenkenswert.

*Tao Te Ching in der Übersetzung von Richard Wilhelm (Dt.) bzw. Wing-Tsit Chan, A Source Book in Chinese Philosophy, Princeton 1973. (Eng.)

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